Therapieentwicklung

Orphan Drugs –
 Medikamente 
 sind Mangelware

"Die Betroffen haben keine Zeit zu verlieren – zumal an den forsschungsstärksten Kliniken des Landes bereits hinreichende Vorarbeiten geleistet wurden, um aussichtsreiche Therapien auf den Weg zu bringen."
Prof. Dr. Annette Grüters-Kieslich
Nur für gut 2 % aller Seltenen Erkrankungen stehen spezifische Medikamente zur Verfügung. In der EU sind aktuell 121 Orphan Drugs zugelassen. Bei weiteren 63 Medikamenten wurde der Orphan Drug Status nach der Zulassung zurückgegeben oder ist nach 10 Jahren abgelaufen.

Darunter sind viele Krebsmedikamente, weil viele Tumoren aufgrund ihrer Prävalenz von weniger als 5 von 10.000 Menschen in der EU zu den Seltenen Erkrankungen zählen. Für alle anderen Fachbereiche sieht der Quotient deutlich schlechter aus. 


Durch die jeweils geringen Fallzahlen sind die zur Zulassung eines Medikaments erforderlichen klinischen Studien so aufwändig und teuer, dass die üblichen Marktmechanismen nicht funktioniere. Die traurige Wahrheit: Seltene Erkrankungen lohnen sich für Pharmakonzerne nicht.

Bis 1999 existierte in Deutschland quasi kein Markt für Orphan Drugs. Ein wichtiger Meilenstein für die Patient:innen war die EU-Verordnung über Arzneimittel für seltene Leiden im Jahr 2000. Sie ermöglichte ein vereinfachtes Zulassungsverfahren für Orphan Drugs und räumte den Herstellern zeitlich beschränkte Exklusivrechte ein.
Wussten Sie, dass...
... die USA schon 1983 ein Gesetz zur vereinfachten Zulassung für Orphan Drugs verabschiedet hatten?

Steigende Zulassungszahlen - finanzielle Hürden

Weil einige Orphan Drugs besonders teuer sind, mehren sich Diskussionen über Preisgestaltung und Zugang zu diesen Medikamenten seitdem die Zulassungszahlen auch in Deutschland steigen.

Unser solidarisch finanziertes Gesundheitssystem ist mit vielfältigen Herausforderunge konfrontiert und muss die Kosten für die Versichertengemeinschaft im Blick behalten. Doch entfielen 2020 nur rund 4,4 Prozent der ambulanten Arzneimittelausgaben in der Gesetzlichen Krankenversicherung auf Orphan Drugs.

Fakt ist: Nur für einen geringen Bruchteil der Seltenen Erkrankungen stehen ursächliche Behandlungen zur Verfügung. Gezielte Investitionen in die Weiterentwicklung aussichtsreicher Therapieansätze können dies ändern.

Forschenden gelingt es heute zunehmend, die pathologischen Mechanismen der Krankheitsentstehung zu entschlüsseln. Damit liefern sie Ansatzpunkte für die Entwicklung zielgerichteter Medikamente und Antikörper, die die Symptome der betroffenen Menschen deutlich verringern können.

Ermutigende Behandlungserfolge mit gen- und zelltherapeutischen Verfahren, läuten eine regelrechte Zeitenwende in der Medizin ein. Insbesondere die Betroffenen von Seltenen Erkrankungen, die eine monogenetische Ursache haben, dürften auf Heilung hoffen, wenn aussichtsreiche Forschungsansätze jetzt konsequent weiterverfolgt würden.

Um die Entwicklung aussichtsreicher Behandlungsansätze voranzutreiben, bündelt die von unserer Stiftung initiierte Alliance4Rare die Expertise forschungsstarker Universitätskinderkliniken entlang einer standortübergreifenden Forschungsstrategie für Seltene Erkrankungen.

Genersatztherapien
Die technologischen Fortschritte in der Gendiagnostik und der Identifizierung pathogener Mechanismen ermöglichen erstmals die Entwicklung von Therapien, bei denen ein therapeutisches Gen in die Zellen des erkrankten Organs eingebracht wird, wo es die Funktion des defekten Gens übernimmt.

Ermutigende Behandlungserfolge zeigen, dass Genersatztherapien grundsätzlich in der Lage sind, die Funktionsfähigkeit erkrankter Organsysteme wiederherzustellen. 

Sie geben Anlass zur Hoffnung, dass insbesondere Seltene Erkrankungen, die eine monogene Ursache haben, perspektivisch geheilt werden können, wenn bestehende Ansätze konsequent weiterentwickelt werden. 
Adeno-assoziierten Viren (AAV)
Als Hoffnungsträger zeigt sich dabei aktuell der Einsatz von Adeno-assoziierten Viren (AAV) als „Gen-Fähren“, die eingesetzt werden, um gesunde DNA nebenwirkungsfrei in die Körperzellen von Patient:innen einzuschleusen. Mit Zolgesma verfügt seit 2020 erstmals ein AAV-basiertes Medikament über eine reguläre Zulassung in Deutschland, weitere aussichtsreiche Arzneimittel befinden sich in fortgeschrittenen Stadien der klinischen Überprüfung.
Sleeping Beauty-Ansatz
Eine dem AAV-Verfahren ähnliche Methode ist derweil noch Gegenstand der Grundlagenforschung. Beim so genannten „Sleeping Beauty“-Ansatz werden die intakten Gensequenzen virenfrei auf einem Transposon – das sind zelleigene mobile DNA-Abschnitte, die ihre Position im Genom ändern können – in die Zielzellen transportiert.
CRISPR/Cas-Verfahren
Auch das hierzulande als „Genschere“, bzw. international als „Gene Editing“ bekannt gewordene CRISPR/Cas-Verfahren der Geninsertion, das sich durch eine hohe Präzision und Effizienz auszeichnet, ist noch in einem vorklinischen Stadium. Da sich bei der systemischen Anwendung derzeit noch immer Risiken eines Off-target-Effekts im gesamten Genom ergeben, ist vor der klinischen Überprüfung weitere Grundlagenforschung erforderlich.

Chance oder Risiko?

Noch gibt es bei den vorgestellten Methoden keine ausreichende Langzeiterfahrungen. Sie kommen jedoch bei Erkrankungen zur Anwendung, die bereits in der Kindheit zum Tod führen oder unbehandelt mit besonders schwerwiegenden Einschränkungen der Entwicklung einhergehen. Für Betroffene ohne Therapiealternative ist das ungewisse Langzeitrisiko erfahrungsgemäß akzeptabler, als die verheerenden kurz- bis mittelfristigen Prognosen.

Der Weg, um das langfristige Risiko-Nutzen-Verhältnis zu optimieren, ist klar: 

1. Klinische Studien zur Wirksamkeit, Verträglichkeit und Praktikabilität der Therapieansätze

2. Datenbasierte Erfassung und Evaluierung der Verbesserung der Lebensqualität

3. Systematische Langzeitbeobachtungen, um mögliche Spätfolgen für Kinder und Jugendlichen abzuklären 

Die konsequente Forschungsförderung leistet einen entscheidenden Beitrag, um die Risiken für Betroffene zu minimieren und ihre Überlebenschancen und Lebensqualität nachhaltig zu erhöhen.

Eine Frau und ein Mann sitzen auf dem Boden, auf dem eine Kinderzeichnung mit Kreide gemalt ist.

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